FreeRadicals-Mitglied Konrad von Allmen mags gerne etwas länger - und härter. Nach dem 7days Gigathlon letztes Jahr suchte er eine neue Herausforderung - und fand Sie in Davos beim swissalpine. Hier sein Bericht.
Fortsetzung:
Marathon +
„Noch einen Schritt weiter – und ich bin weiter gelaufen, als ich es in meinem Leben am Stück je getan habe!“ Dieser Gedanke schoss mir plötzlich durch den Kopf, als ich ungefähr bei km 42.195 beim swissalpine Marathon K78 durchrannte. Noch völlig benommen zwar von der phänomenalen Stimmung in Bergün: Alpe d’Huez-Feeling pur! Die Emotionen wogen hoch und die dabei heimlich in die Augen gekullerte Träne verhinderte beinahe die Sichtung des 40-Km-Schildes. Was wird in 2,195 km passieren? Werde ich einfach umfallen oder keinen Schritt mehr weiterlaufen wollen, so wie ich dies an unzähligen Ironman-Rennen oder normalen Marathons erlebt habe? Etliche Male bin ich diese Situation während der Vorbereitungsphase im Kopf durchgegangen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass man mehr als einen Marathon am Stück laufen kann. Ok, bei einem Ironman ist die Renndauer von acht Stunden an aufwärts. Aber auch da belastet man die Laufmuskulatur nicht länger als die berühmten gut 42 Kilometer. Beim Mentaltraining galt es also, diesem Punkt besondere Gewichtung zu schenken.
Noch einen Schritt weiter und – es ging tatsächlich weiter – wer hätte dies gedacht? Ich hatte soeben erneut meine persönlichen Grenzen gesprengt, neues Terrain betreten. Wow, eigentlich ein gutes Gefühl. Ein Gefühl, das mich in der Steigung hinauf zur Kesch-Hütte beflügelte. Doch es sollte bestimmt nicht die einzige Prüfung an diesem Tage werden. Aber wie kommt ein passionierter (zur Zeit wohl eher pensionierter) Ironman-Triathlet überhaupt dazu, sich auf einer Ultra-Laufdistanz zu versuchen? Wo sind Parallelen, wo Unterschiede zu finden? Welchen Nutzen kann das eine dem anderen vermitteln? Was muss man beachten?
Warum nur?
Gründe für eine Teilnahme gibt es zu Haufe: Neben „hat-sich-dazu-überreden-lassen“ über „dumme-verlorene-Wette“ und „war-mir-gerade-langweilig“ könnten vor allem folgende Punkte dazu verleiten (jedenfalls bei mir sind es die folgenden):
1. Nach einer sehr intensiven Saison (wie z.B. dem Gigathlonjahr) möchte man einfach mal ein Stückchen zurücknehmen, ohne jedoch komplett auf die Emotionen eines Langdistanz-Finishs verzichten zu wollen (das mit dem Zurücknehmen müssen wir, schaut man sich die Anforderungen beim swissalpine genauer an, glaube ich nochmals überdenken).
2. Berufs- oder ausbildungsbedingt hat man einfach nicht mehr so viel Zeit oder Lust, um drei Disziplinen seriös zu trainieren. Die Fokussierung auf eine Sportart erlaubt Qualität und verschafft unheimlich viel verfügbare Zeit.
3. Nach dem x-ten Ironman ist die Herausforderung vielleicht auch nicht mehr so hoch und man möchte einfach einmal etwas Neues machen, in neue Erlebniswelten eintauchen und vor allem neue Dimensionen kennenlernen, ohne dass man sich gleich einen Double-Ironman antun muss.
4. Hier kann jeder seine eigenen Argumente noch anfügen!
Das Leben danach
Wer vor einer der obigen Situationen steht, dadurch eine gewisse Leere verspürt oder verzweifelt ist (schliesslich sind wir alle Endorphin-Junkies), dem kann ich folgendes versichern: Es gibt ein Leben abseits des Ironman! Es gibt die Möglichkeit, die Höhen und Tiefen und die damit verbundenen Glücksgefühle in einem Ein-Disziplinen-Wettkampf zu erleben; vielleicht sogar noch fast intensiver als bei einem Ironman. Ich war beim Start des K78 etwa gleich nervös wie vor meiner ersten Triathlon-Langdistanz. Krisen und Glücksmomente gaben sich während dem Rennen häufiger die Hand. Der innere Schweinehund stellte, auch infolge der Einsamkeit, sein Bein fast hartnäckiger in den Weg als bei den Massenveranstaltungen im Triathlon. Und den Anspruch an die mentalen Fähigkeiten stufe ich damit als höher ein als beim Mehrdisziplinen-Wettkampf. Das Erlebnis Natur und die Erfahrung mit sich selbst sind nicht zu vergleichen (höchstens noch beim Inferno-Triathlon).
Ich gehe unterdessen soweit, jedem Ironman-Athleten zu empfehlen, einmal in einer sportartspezifischen Ultra-Distanz an den Start zu gehen. Sei dies beim swissalpine Marathon oder Bieler 100km für’s Laufen, der Bern-Bodensee-Bern-Challenge für’s Radfahren (es muss ja nicht gleich die Race across America-Quali angestrebt werden) oder einer Seedurchquerung (z.B. Rappi-Zürich) für’s Schwimmen. Eine Ultra-Distanz nimmt einem ein wenig den Schrecken der Marathon- (sprich Ironman-) Distanz.
Vorbereitung enorm wichtig
Aber aufgepasst: ohne spezifische Vorbereitung darf man auch da nicht antreten. Gesundheitliche Probleme sind sonst vorprogrammiert. Wir bringen zwar in Sachen Grundlagenausdauer einiges mit. Trotzdem ist unser Körper nicht auf eine solche Belastung eingestellt. Kaum ein Triathlet übt sich im Berglaufen, geschweige denn im Bergablaufen! Und Leute, ich sage Euch, vor allem letzteres hat es wirklich in sich. Eine saubere Technik und genügend Kraftreserven sind von unschätzbarem Wert. Statt einer vierstündigen Bike-Tour ist halt mal ein vierstündiger Lauf angesagt (Getränk nicht vergessen).
Die Planung der Strategie, der Kleidung und der Verpflegung ist bei einem Ultra fast noch wichtiger als bei einem Ironman, wo die Verpflegungsposten beinahe luxuriös vorhanden sind.
Fazit
Für mich war das Abenteuer K78 sehr lehrreich. Ich konnte, trotz massiv heruntergeschraubtem Trainingsaufwand (ok, gegenüber dem Gigathlon-Aufwand war dies nicht so wahnsinnig schwierig), ein Erlebnis der besonderen Art geniessen. Von der Erfahrung einer neuen Distanz über die Emotionen beim Durchlauf in Davos und in Bergün (eine solche Stimmung habe ich in der Schweiz noch nirgends gesehen), der Umgang mit schwierigen Situationen wie Krampferscheinungen auf technisch schwierigstem Terrain (ok, diese Erfahrung hätte ich nicht unbedingt gebraucht), der unbändige, aber lohnenswerte Kampf mit mir selbst, das Gefühl zu erleben, einmal nicht Jäger sondern Gejagter zu sein, der damit verbundene enorme psychische Druck und schlussendlich die Erlösung, dank stetiger Überwindung des inneren Schweinehundes ein Glanzresultat erzielt zu haben und unter tosendem Applaus den Zieleinlauf geniessen zu können.
Mein Tip zum K78
Muss man als Ausdauersportler einfach mal gemacht haben! Ein beinahe perfekter, mit viel Herz organisierter Anlass, eine phänomenale, abwechslungsreiche Strecke, Hühnerhaut-Feeling pur, eine gute Atmosphäre mit toller Kameradschaft, eingebettet in einer wunderschönen Landschaft. Einer der einzigen Schwachpunkte war für mich persönlich die Anzahl der Verpflegungsposten. Obwohl ich selbst Getränke mit mir führte und regelmässig an den Stationen viel trank, war ich am Ende doch ziemlich dehydriert. Mir ist aber auch durchaus klar, dass es teilweise unmöglich oder zumindest sehr schwierig war, mehr Posten aufzustellen (z.B. auf dem Panorama-Trail). Wie ich aber gerade in den News erfahren habe, hat man sich dieser Problematik bereits angenommen und plant auf nächstes Jahr einen Ausbau der Verpflegung. In Davos wird generell sehr schnell gehandelt.
Ironman oder Ultra?
Gleich bleibt sich, dass die letzten Kilometer immer hart aber auch schön sind und dass es immer nur dann weh tut, wenn es einem dreckig geht. Es gibt unzählige Parallelen aber auch Unterschiede. Ich werde aber bestimmt irgendwann wieder beim einen oder anderen Anlass anzutreffen sein, vielleicht halt nicht mir ganz so weit vorne. Das Suchtpotential, seien wir ehrlich, ist einfach zu gross.
Euer Konrad
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