Sicherlich jeder Athlet/in kann eine Geschichte davon erzählen, was schief lief am Tag der Tage. Was für Aussenstehende gar kein Problem darstellt, kann für nervöse Triathleten eine kleine Katastrophe bedeuten.
Über dreissig Mal stand ich bisher an der Startlinie und habe die 226KM aus eigener Kraft hinter mich gebracht. Aber im August 2011 war die Leidenschaft dafür verschwunden. Die Anmeldung IM Frankfurt war jedoch bereits erfolgt. Deshalb sollte es für mich ein Abschluss werden auf der Ironmandistanz. Das Ziel war in erster Priorität den ganzen Wettkampf zufrieden ohne Tiefs zu erleben und als zweites, möglichst nah an der Zehnstundengrenze zu beenden. Also ein letztes Mal Vorbereitung nach der bewährten Lust-und-Laune Methode. Ein strukturierter Trainingsplan hatte bei mir noch nie Platz.
Telegramm:
- Tage vor dem Rennen vom Feinsten. Blau und heiss. Renntagmorgen: Durchwegs bewölkt.
- Im Bus zum Langener See gefahren. Gefährt steht mit geschlossenen Türen und Fenstern ohne Lüftung und ohne Bewegung auf der Einfahrt, gefüllt mit schwitzenden Athleten. 15 Minuten Sauna. Diese Option war nicht gebucht!
- In Wechselzone rein mit 2500 Athleten. Bidon ans Rad. Erste Aufregung: Einer da, der andere vergessen. Steht noch im Zimmer bereit. War wohl etwas früh heut.
- Kette auf grosses Blatt wechseln. Schalthebel hält nicht und springt immer zurück. Hat doch am Tag zuvor noch geklappt?
- Wärme kommt auf. Nicht von aussen, von innen. Wo ist der nächste Mechaniker?!?!
- Wieder durch Wechselzone mit 2500 Athleten laufen. Sollte ich Rad mitnehmen, die leihen sicher kein Werkzeug aus.
- Rettung! Kollege Mauricio aus Mexiko ruft mir zu, hat passendes Werkzeug dabei. Körperwärme wird wieder tiefer.
- Rückweg durch die Wechselzone mit 2500 Athleten. Unterwegs Lucia neben Rad. Einrad. Vorderrad fehlt. Speichenbruch. Spreche ihr Mut zu und denke dabei: "Was für ein Pech, dann geht es mir ja noch gut!"
- Wasserstart. Super. Schwimmen. Sehr gutes Gefühl.
- Wechsel zum Rad. Sehr gutes Gefühl. Freue mich, da bin ich stark.
- Klick in Pedal, Klickgeräusch von oben. Erste Regentropfen. Diese Option wurde nicht gebucht!
- Regen nimmt zu. Ebenso der Wind. Brille stört, weg damit. Fahrt durch Pfütze und Hallo-Ruf zu Marco Wolf.
- Fühle mich stark. Wattanzeige (zum zweiten Mal in Gebrauch) zeigt 260Watt. Fühle mich noch besser.
- Linke Spur ist für mich reserviert. Fünf Stundenmarke ist angepeilt.
- Essen wann? Radcomputer steigt wegen dem Regen teilweise aus. Wie lange bin ich unterwegs?
- Passage mit Kopfsteinplaster. Essen fliegt aus der Hand, Gel aus der Tasche. Paris-Roubaix? Für mich niemals.
- Schlag von unten - Autsch. Mist. Sattel zeigt plötzlich nach unten. Durch den Regen wird der Sitz zur Wasserrutsche. Bei jeder Tretbewegung muss ich mich gleichzeitig nach hinten den Sattel hinaufdrücken.
- Steigung. Wechsel in Wiegetritt. Knicke fast ein. Oberschenkel sind übermüdet von der Zusatzbelastung. Fühlen sich an, als ob einer Bretter drangenagelt hätte.
- Zweite Radrunde. Wattanzeige fällt runter auf 220, 180, schliesslich 150 Watt.
- Fahre im Schonmodus. Mittlerweile Sonne zurück. Lucia fährt an mir vorbei. Neues Vorderrad scheint schnell zu sein. Franck fährt zu mir auf. Unterhalten uns. Meine Oberschenkel sind leer.
- Einfahrt Wechselzone 2. Neue Laufschuhe und Kniesocken. Alles trocken. Yeeeaaah.
- 400m Lauf. Geht doch. Schnürsenkel öffnen sich. Befestigen. Laufen. Schon wieder offen.
- Essen, trinken, Salz in Tüte, Gel mit Vanille (ich hasse Vanille), alles was Energie verspricht kommt in den Rachen.
- Gefühl sehr gut. Schneller wie erwartet. Grüsse Zuschauer Vera, Martin, Martin, Barbara, Pirmin, Vincent.
- Sehe Lucia wieder vor mir beim Lauf. Treffe später auf Kalli Notrott (Triathlon Urgestein), Sascha, Waldi, Susi, Markus und weitere. Verliere ein paar Worte und laufe weiter.
- "Crazy Desi" läuft vorbei. Kann nicht folgen. Laufe auf Franck auf. Bewundere seine Leistung.
- Schliesslich Tänzchen im Zieleinlauf und lockeren Schrittes über's Ziel.
Ein Faktor, der stark dazu beigetragen hat, ist meine Partnerin Dianna. Sie hat mich im Bereich Ernährung betreut, einen Plan im Wettkampf aufgestellt und mir damit meine seit jeher grösste Angst und Schwäche während des Rennens genommen. Ich hatte körperlich keine einzige Schwächephase, weder Muskeln noch Gelenke schmerzten beim Laufen und das Gefühl hätte in den zehn Stunden nicht besser sein können. Einen grossen Dank dafür. Und für ihre Aufopferung, während dieser Zeit alles selber zu essen, was ich nicht essen durfte!
Wohl wäre das Resultat noch besser gewesen, wenn sie mich mit ihrer Erfahrung und einem strukturierten Training unterstützt hätte. Aber dafür bin ich - wie sie sagt - zu "stur" um einfach Anweisungen zu folgen. Damit hat sie Recht.
Ach ja, die Basis zu diesem Resultat und vorallem sehr guten Gefühl kann ich auch noch verraten. Trainingsaufwand seit Januar:
- Schwimmen: 1 Mal am Mittwoch der Wettkampfwoche für 40Minuten. Ziel: Schwimmgefühl auffrischen, da seit Jahren kein geordnetes Schwimmtraining. IM Resultat: 1:05h
- Rad: MTB, Strasse, oft zur Arbeit. Bis eine Woche vor dem Wettkampf mehrstündige Touren. IM Resultat: 5:18h (Satteldefekt verhinderte mehr).
- Lauf: Bis März 40-50km pro Woche. Ab April 0km bis eine Woche vor dem Wettkampf. Dafür dann MO-DO täglich 2x30min in 5min/km. IM Resultat: 3:50h
- Tapering: FR/SA vor dem Start
Und danach? Erholung besser denn je. Am Dienstag wieder leiten der Spinningstunde, am Mittwoch 2h Rad und 1h Laufen. Trotzdem, das darf nicht darüber hinweg täuschen, dass der vergangene Sonntag kein Spaziergang war.
Für mich konnte ich das Optimalste herausholen, deshalb Fazit: Vollkommen zufrieden, persönliche Erwartungen erfüllt. Schön war's.
Dank an Zuschauer und Freunde für die Unterstützung, Gratulation an alle Mitschwimmer, -radler und -läufer. Egal wie das Resultat war, jeder hat das Möglichste unternommen und sollte damit auch zufrieden sein.

Trix 2012-07-14 19:12:13
Vera 2012-07-14 15:09:16